Theatermacher Manfred Beilharz schenkt seinen Nachlass dem Stadtarchiv Wiesbaden

Theatermacher Manfred Beilharz schenkt seinen Nachlass dem Stadtarchiv Wiesbaden
Theatermacher Manfred Beilharz schenkt seinen Nachlass dem Stadtarchiv Wiesbaden | Bild: Stadt Wiesbaden

Der langjährige Theaterintendant und Festivalmacher Dr. Manfred Beilharz hat seinen künstlerischen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden übergeben. Den Schenkungsvertrag unterzeichneten am 22. Januar Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl sowie Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg. Mehr als 30 Kisten mit Arbeitsmaterialien sollen künftig im Stadtarchiv aufbewahrt werden.

Lebenslauf und Stationen

Beilharz, Jahrgang 1939 und gebürtig aus Böblingen, begann seine berufliche Laufbahn nach dem Studium der Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft sowie der Promotion in Theater- und Urheberrecht als Regieassistent an den Kammerspielen in München. 1967 übernahm er die Funktionen Oberspielleiter und Chefdramaturg am Westfälischen Landestheater in Castrop Rauxel. Mit 30 Jahren trat er seine erste Intendanz in Tübingen an.

Weitere Stationen waren Freiburg von 1976 bis 1983 und Kassel von 1983 bis 1991. In Bonn leitete er von 1991 bis 2002 zunächst das Schauspiel und wurde 1997 Generalintendant des vereinten Theaterbetriebs der Bundesstadt. Aus dieser Zeit stammen mehrfach zum Theatertreffen in Berlin eingeladene Produktionen, unter anderem mit der damals jungen Johanna Wokalek in Rose Bernd. 2002 wechselte Beilharz an das Hessische Staatstheater Wiesbaden, das er mehr als ein Jahrzehnt prägte. Nach seiner Wiesbadener Zeit zog er 2014 nach Düsseldorf und kehrte später nach Wiesbaden zurück, wo er heute lebt.

Festivals, internationale Perspektive und Auszeichnungen

Beilharz setzte in seiner Arbeit immer wieder auf internationale Verbindungen. Er gründete 1976 das Theaterfestival Freiburg, organisierte 1987 im Rahmen der documenta 8 das Festival Spielraume und rief 1990 das Festival Theater im Aufbruch zur sowjetischen Theaterlandschaft nach Perestroika und Glasnost ins Leben. Gemeinsam mit Tankred Dorst initiierte er 1992 die Biennale Neue Stuecke aus Europa, die in Wiesbaden fortgeführt wurde.

Von 2002 bis 2008 war Beilharz Weltpräsident des Internationalen Theaterinstituts der UNESCO, dem er seit 1993 angehört und dessen Ehrenpräsident er heute ist. Für sein Wirken erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz am Bande, die Goethe Plakette, den Hessischen Verdienstorden und die Ehrenplakette der Stadt Wiesbaden.

Inhalt und Bedeutung des Vorlasses

Erste Kontakte zwischen Beilharz und dem Stadtarchiv entstanden 2019. Der übernommenen Nachlass umfasst Programmhefte, Fotos, Spielzeitprogramme, Inszenierungs skizzen, Briefe an Rechtstrager, Korrespondenzen und Presse ausschnitte. Stadtarchivleiter Dr. Quadflieg betonte, dass der Vorlass nicht nur die Intendanz in Wiesbaden abbildet, sondern die internationale Dimension einer langen Theaterkarriere sichtbar mache.

Beilharz selbst erklärte, seine Arbeit sei von regionalen Bezu gen, ästhetischen Herausforderungen und Internationalität geprägt gewesen. Als Beispiel nannte er Gastspiele des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden in China sowie Auffuhrungen in weiteren europäischen Laendern. Die Bandbreite des Materials ermögliche es, die Verknupfung von Theater und Politik in verschiedenen Epochen zu erforschen.

Die Übergabe und ein symbolisches Objekt

Zur Vertragsunterzeichnung brachte Beilharz ein bemerkenswertes Stück mit: ein Schofar, ein altes israelisches Blasinstrument aus Antilopen horn. Das Instrument war ein Geschenk der damaligen Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, Hanna Munitz, nach einer gemeinsamen Produktion von Wozzeck, die 2005 in Tel Aviv zu sehen war. Das Gastspiel und der Austausch zwischen den Häusern wurden von Beilharz als wichtiges Zeichen der Zusammenarbeit bezeichnet.

Während der kleinen Zeremonie im Kulturdezernat sorgte Beilharz, der 87 Jahre alt ist, mit einem Ton auf dem Schofar für heitere Stimmung. Am Ende der Unterzeichnung formulierte er einen nachdenklichen Appell: Er wies darauf hin, dass sich die politischen Verhältnisse in Russland, Europa und Israel verändert hätten und sprach sich für einen Neuanfang und mehr internationalen Austausch im Kulturbereich aus.

Die Übergabe der Materialien an das Stadtarchiv schafft die Grundlage dafür, Beilharz Rolle in der deutschen Theaterlandschaft dokumentiert zu erhalten und für Forschung und Öffentlichkeit zuganglich zu machen.

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